Sourcrowdsourcing

Geschrieben von René am 20. Mai 2011 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Auf dem letzten Buchcamp in Frankfurt war ich einer von nur wenigen Buchhändlern. Deshalb durfte ich gestern auch beim Buchcamp goes to Berlin auch auf die Bühne – eine kleine Artenschutzmaßnahme für aussterbende Tierarten.


Hier mein Beitrag:

Die Crowd und der Buchhändler

Der Sortimentsbuchhändler, wie unser Berufsstand heißt, ist von Hause aus gegen Crowdsourcing. Nicht das, was die Masse wünscht, denkt, macht, zählt, sondern das, was wir Buchhändler entdeckt, sortiert, gefiltert haben.

Nichts gegen die Crowd, aber wir sind natürlich besonders stolz auf unser ureigenes, ganz individuelles Profil, das unseren Laden gerade so unverwechselbar macht.
Soweit – so offen gegenüber dem Thema…

OK – schauen wir uns das Crowdsourcing mal genauer an – vielleicht kann es ja doch nützlich für uns werden?

Die Crowd als Autor

Das fetteste Crowdsourcing-Projekt der Gegenwart ist wohl Wikipedia. Die Idee war gut, stammte aber leider nicht von uns und bescherte dem Buchhandel am Ende eher Ärger als Freude. Die letzte Brockhaus-Enzyklopädie des Bibliographischen Instituts floppte wegen der heftigen Online-Konkurrenz und das Haus Brockhaus selbst wurde in seiner Not an Random House verkauft.

Mittlerweile gibt es im Prinzip kein nennenswertes Nachschlagewerk-Angebot mehr im Buchhandel – Platz für neue Artikel, zum Beispiel aus der schönen Nonbook-Welt.

Weitere interessante Projekte sind die Online-Wörterbücher. „Leo“ zum Beispiel lässt sich Wörter schenken. Die aktuelle Version hat 632.722 englischsprachige Einträge.
Langenscheidts Muret-Sanders Großwörterbuch Englisch hat 410.000 Stichwörter und kostet immerhin 129 EUR.
Der Klett Verlag hat daraufhin seine Wörterbücher auch als kostenloses Online-Wörterbuch zur Verfügung gestellt. Zwischen die Treffer blendet er jetzt Google-Werbung ein; ob’s was nützt?

Praktisch für den Buchhandel, er kann jetzt ein weiteres Regal für andere Dinge leerräumen; Wörterbücher werden nicht mehr verkauft ;)

Es gibt von Klett auch ein deutsches Wörterbuch online – und Klett/Pons bittet die Besucher der Seite um weitere Wörter…

Seit ein paar Wochen ist auch der Duden mit seinem Wörterbuch online und bietet kostenlose Fehlerüberprüfung an. Allerdings ohne direkte Crowdansprache.

Also - sind wir mal ehrlich: Bislang hat sich die Crowd als Autor bei uns Buchhändlern nicht sonderlich beliebt gemacht!

Die Crowd als Lektor

Uns Buchhändlern ist es im Prinzip egal, wer das Zeug findet, das wir zu verkaufen haben. Natürlich stehen altbekannte Lektoren in altbekannten Verlagen für eine vorhersehbare Qualität, und wir werden uns bei vielen Einkaufsentscheidungen auf ihre Filterkompetenz verlassen. Aber wenn mir eine Million Youtube-Nutzer sagt: Diesen Song habe ich gesehen, dann ist es mir definitiv Wurscht, ob ein professioneller Produzent diesen Song gebastelt hat oder die Musiker den in ihrer Küche aufgenommen haben.

Daß aus Casting-Shows auch Qualität erwachsen kann, dass auch dort Künstler entdeckt werden können, ist unstrittig – und wer beim Open Mike den Literaturpreis gewinnt, der hat schon was zu bieten.

Dennoch ist es für uns Buchhändler nicht unerheblich, ob ein Verlag sein Programm eher aus einer inhaltlichen Linie, die in der Person eines Lektors begründet sein kann, entwickelt, oder ob er sich der Crowd „ausliefert“.

In letzterem Falle wird er den einen als modern gelten, den anderen als Fähnchen im Winde…

Da ich eher die Manipulierbarkeit der Crowd voraussetze als die einer versierten Lektorin, bleibe ich skeptisch.

Die Crowd als Rezensent

Neuer Blickwinkel: Wie sieht es aus bei der redaktionelle Mithilfe in der Online-Redaktion?
Ein schönes Beispiel für ein gelungenes kleines Crowdsourcing-Projekt finde ich die Webseite buecherkinder.de.

Die Webseite stellt mittlerweile mehrere Tausend Kinderbücher vor und nutzt als redaktionelle Mitarbeiter unter anderem eine rezensionswütige Schar von Kindern und Jugendlichen. Die Besprechungen kommen auf jeden Fall von Herzen und sind durch viele Übung routiniert genug, um einen guten Eindruck zu entwickeln.
Schade, dass es nicht meine Idee war – und mal sehen, vielleicht kann ich den Kinderbuch-Freunden ja irgendwann ein Angebot machen, das für sie attraktiv genug ist, mit uns, statt mit Amazon zusammenzuarbeiten.

Im Aufbau einer freiwilligen Rezensenten-„Armee“ sehe ich auf jeden Fall gute Möglichkeiten für spezialisierte Online-Händler, ihr Angebot anzureichern.
Und die organisierte Begutachtung halte ich für tendenziell wertvoller als die offene, „unformatierte“ Kommentierung von Amazon-Usern (und den professionellen „Besprechern“, die sich dort tummeln).

Die Crowd als PR-Maschine

Seit einem halben Jahr bekomme ich fast täglich Mails aus der Bloggosphäre: Laienprodukttesterinnen, deren Wohn- und Schlafzimmer aussehen müssen wie überdimensionale Setzkästen, buhlen um Pröbchen und Testexemplare… Und tatsächlich konnten wir nachdrückliche Überraschungen erleben, als ein Partner-Unternehmen von uns die legendäre Schmuserolle, ein Lese-, Kuschel- und Nackenkissen, erhältlich in allen Fingernagelfarben von cherry bis bordeaux, sowie in cow und wildcat, unter den Bloggerinen als Freeware streute. Das Echo war gewaltig, der Umsatz verdreifachte sich in kurzer Zeit, ich war sehr beeindruckt.

Noch sympathischer wäre mir der Erfolg, wenn ich sicher wäre, dass die Testschmuserinnen nicht fast alles supersüß, total praktisch, echt prima finden würden, was ihnen ins Haus geschickt wird. Nicht, dass es darauf ankäme, aber wie nachhaltig diese Form der PR ist, vermag ich nicht einzuschätzen.

Die Crowd als Kunde

Noch ganz am Anfang sind wir (und unsere Kunden) in der Entwicklung von Feedback-Strukturen, mit denen wir unseren Service verbessern lernen könnten.
Wie anderswo auch, kann man hier einiges von Amazon lernen: Wie hat Ihnen die Verpackung/Antwort/Hilfe gefallen?, wird man gefragt, und wenn ich auch selten antworte (vielleicht, weil ich die Marketing-Absicht hinter der einen oder anderen Frage spüre, die mangelnde Unschuld in der Frage), bin ich dennoch beeindruckt.
In künftige Weiterentwicklungen unseres Shops werden wir auf jeden Fall deutlich mehr Service-orientierte Feedback-Elemente integrieren.

Die Crowd als Bucherfinder

Zum Schluß meines kleinen Statements spendiere ich noch eine Geschäftsidee, für deren Umsetzung ich gerne mit Euch zusammenarbeiten würde.

Unter den vielen mordernen Crowdsourcing-Plattformen und -projekten, die ich kenne, ist mir eine noch nicht untergekommen, die aber wirklich hilfreich wäre:
„Von welchem Buch wünscht Du, dass es existiert?“ ist eine der ungestelltesten Fragen der Gegenwart. Ist das logisch oder komisch?

Ich stelle mir einen „Wünsch-Dir-was“-Ort vor, bei dem jeder so frei er will seine Wünsche posten kann. Vielleicht bleibt er mit seinem Wunsch ja nicht alleine? Vielleicht wünscht er sich ja nur etwas, was andere auch schon lange vermissten, nur nicht auszusprechen wagten? Vielleicht sammeln sich die Like-Buttons  an den heißesten Wünschen zu kleinen, dicken Wunschkristallen an.

Wer hätte Lust, mit mir den digitalen Wunschzettel einzurichten, die Plattform der (noch) unerfüllten Buchwünsche, den Ort, an dem sich Wünsche zu einer Zahl verdichten könnte, die Wunscherfüller magisch anlocken müsste. Wie viele Ideen mag es geben, wenn man nicht nur auf der „Biete“-, sondern auch auf der „Suche“-Seite crowdsourcen würde?
Autoren und Verlage, die sich der unerfüllten Wünsche annehmen könnten, sollten sich dann doch finden lassen…

Die Crowd! Gut ist, was nix kostet?

Tja, was soll ich als mit der Crowd: Als Umsonst-Content-Lieferant ist sie mein Konkurrent, als Lektor finde ich sie fraglich, als Rezensent interessant, als PR-Monster unheimlich, und als Buchwunschzettel noch nicht erfunden.

Ich bleibe offenbar in diesem Thema so unentschieden, wie die Konzepte zahlreich sind. Ich finde es auf jeden großartig, wenn es wie beim euryclia-Projekt läuft, und wenn ich ganz ehrlich und mal kein Buchhändler bin: Wikipedia ist natürlich auch der Hammer.

4 Kommentare zu “Sourcrowdsourcing”

  1. am 20. Mai 2011 um 10:00 1.Daniela Skrzypczak schrieb …

    Sehr guter Artikel … über das viel was, wie und warum … Die Crowd. Das Wünsch-Dir-Was-Buch ist ja in guten Ansätzen schön vorhanden, einen wichtigen Aspekt finde ich auch, den Kunden mehr einzubeziehen, Ihm das Gefühl zu geben, ein wichtiger Teil zu sein. Die Frage nach dem “Wie tue ich das” ist dabei der interessante Weg.

  2. am 20. Mai 2011 um 10:40 2.Andrea Kamphuis schrieb …

    Lieber René,

    manche Ideen liegen offenbar in der Luft. Als ich deine Überschrift “Sourcrowdsourcing” las, musste ich lachen, denn gemeinsam mit zwei Freunden brüte ich seit letztem Jahr an einem kleinen, feinen neuen Nischenverlag namens “Kraut Publishers”, dessen Name mit derselben Klanggleichheit und mit dem Image der Deutschen im angloamerikanischen Sprachraum spielt.

    Die Crowd als Bucherfinder - oder zumindest als Buchfinder: Darum geht es uns. Wir möchten vor allem Sachbücher verlegen, die es schon gibt - aber nicht auf Deutsch. Die Crowd entscheidet durch ihr Interesse und die Bereitschaft zur Subskription, welche Titel, für die wir uns Lizenz-Vorkaufsrechte gesichert haben, realisiert werden und welche nicht. (Das steckt letztlich hinter meinem Interesse an historischen Subskriptionsmodellen, also hinter meinem “Von Lessing zu Lessig”-Vortrag beim Buchcamp.)

    Demnächst mehr dazu in der Branchenpresse. Lass uns in Verbindung bleiben: Wir können aufgeweckte und erfahrene Kooperationspartner brauchen! :-)

  3. am 20. Mai 2011 um 13:32 3.Stefanie Leo schrieb …

    Dafür, dass ich bislang nicht wusste, was Crowdsourcing überhaupt ist, habe ich es ja weit gebracht ;-)

    Übrigens gesellt sich zum - aus Buchhändlersicht - bösen Amazonbutton demnächst zumindest ein Knopf zum örtlichen Buchhändler. Das ist doch schon mal was!

    Herzliche Grüße nach Berlin
    Steffi

  4. am 25. Mai 2011 um 11:48 4.“Crowdsourcing”- Was ist das eigentlich? schrieb …

    [...] https://www.kohlibri-blog.de/2011/05/sourcrowdsourcing/ [...]

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