Zurück aus der Zukunft

Geschrieben von René am 12. September 2011 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Zwei Tage über die Zukunft des deutschen Buchhandels konferieren hieß vor allem wohl: Zwei Tage die Gegenwart der deutschen Buchbranche erleben

Und das war, angenehme Überraschung, wirklich eine erstaunlich geistesgegenwärtige Gegenwart.

Statt Grundsatzdiskussionen über Sinn und Zweck von eBooks, statt selbstreferentieller Social-Media-Propheterie, statt schein-stolzer Wir-bleiben-hier-Rufe der Papier-Fraktion schaffte die strenge Konferenz-Leitung die Diskussion über die vorgeschlagenen Thesen unter Annahme der ihr zugrunde liegenden Matrix-Technik (auch wenn sich diese in mehrerlei Hinsicht als weiterentwicklungsbedürftig erwies, dazu später mehr).

Die aus meiner Sicht herausragenden Ergebnisse der Konferenz:

1.) Das Thema Innovation(-smanagement) ist als Top-Thema oben angekommen - sowohl im Verband als bei vielen Unternehmen (wobei die Abwesenheit von Holtzbrinck, Random House, Libri und KNV überraschte, oder habe ich wen übersehen?)

2.) Das Diskussionsniveau dieser spartenübergreifenden Konferenz war enorm hoch - ich finde, eine Folge der sehr guten Matrix, der tollen Konferenz-Organisation, aber auch der sehr hochkarätigen Diskussionskultur auf Facebook usw.

3.) Die Haltung gegenüber den notwendigen Veränderungen hat sich (zumindest in der Konferenz) gedreht: Weniger Angst vor der Zukunft als Lust auf neue Ideen und Kooperationen - wenn sich das noch tiefer in die Branche tragen lässt, haben die Teilnehmer wirklich was hinbekommen!

Was war problematisch an der Konferenz?

Die Matrix hat an einigen Stellen Unschärfen, die noch zu verfeinern wären, wenn man wirklich gute (und vergleichbare und verfolgbare) Ergebnisse haben wollte:

1.) Während die Warengruppen den Umsatz im Prinzip gut verteilbare Strukturen bieten, machte die Einordnung in die Zielmedien Schwierigkeiten.

Zum einen fehlten Medien:
Wo kommen die Games her, wo gehen sie hin (Paid Content)?

Wie steht es mit Veranstaltungen/Lesungen/Events? Verwandelt sich ein Humor-Buch nicht auch in eine Comedian-Veranstaltung (oder andersherum?)

Kompliziert war auch die Frage der Verschiebung TV/Kino/Video in Paid Content.
Aus Sicht fast aller (Waren-)Arbeitsgruppen führt die Verschmelzung von Fernsehen bzw. Radio und Internet zu der Notwendigkeit, diesen Umsatz für 2025, soweit er bezahlt wird, in den Paid Content zu verschieben. Dies führt dann zu einer Vermischung des Paid Content, der durch die Buchbranche erreichbar ist (buchbasierter Paid Content), mit dem, der nicht erreichbar ist…
Andererseits ist dies auch ein Hinweis auf lohnende Ziele (Autoren/Verlage als Content-Lieferanten - Storytelling vom Buch zum Hörbuch zum Film zum Game) bzw. drohende Gefahren (Abwanderung von e-Buch-Umsatz zu bewegten Bildern, also zu anderen Content-Produzenten).

2.) Die Ermittlung des Umsatzes für die einzelnen Medienkanäle, insbesondere deren Bepreisung, führte (auf jeden Fall in der für das Sachbuch zuständigen Gruppe) zu Diskussionen und Irritationen.
Wenn der Internet-Umsatz einerseits kostenlos ist, anderseits als bereits entgangener Umsatz aufgefaßt wird, landen wir schnell in einer Diskussionsfalle, wie wir sie auch beim Thema Piraterie haben: Der Internet-Traffic wird zu einem großen Teil generiert, weil das Internet „umsonst“ ist. Müßte für die Inhalte bezahlt werden, würden sie nicht in gleichem Umfang abgefragt. Während man bei Lexika (Brockhaus/Wikipedia) und Wörterbüchern bei (schon fraglicher) angenommener gleicher Nutzung von Print zu Internet den Internet-Wert noch als verlorengegangenen beziffern könnte, ist dies bei Sachbüchern schwerer zu belegen: Hier wird, zum Beispiel in Form von Forenbeiträgen, offensichtlich ein Mehr an Informationen generiert, das nie als verkäufliches Printprodukt auf den Markt gekommen wäre.
Ganz schwer wird es, wenn wir uns noch den künftigen Einsatz von Mobilfunk-Technologie dazudenken: Michael Dreusicke wies in unserer Arbeitsgruppe zu Recht darauf hin, dass sich die Abfrage von Sachinformationen explosionsartig erhöhen wird („um 1000 %), wenn wir erst mal mit unseren Geräten rund um die Uhr unsere Umwelt scannen und damit Downloads generieren. Andererseits werden diese Downloads zu einem großen Teil keinen Umsatz ersetzen (am ehesten vermutlich noch im Reisebuch-Bereich).
Die Definition der Spalte „Internet“ als kostenloser Umsatz, der der Buch- und sonstigen Welt aber bereits entgangen ist, führt auf jeden Fall vermutlich zu größerer Unschärfe, weil er mit den bisherigen Umsätzen nicht zu beziffern ist.
Sinnvoll wäre vermutlich, wie dies auch von einigen Arbeitsgruppen angedacht wurde, diese Spalte einfach zu löschen (Internet wäre dann wie Gespräch mit dem Freund, Anschauung auf der Straße, Ausleihe aus der Bibliothek, Kramen im Gedächtnis u.ä. Nutzung von Umsonst-Information, die vermutlich zu einem weniger an generierbaren Umsatz führt).

3.) Die Vorhersage für die Entwicklung der Umsätze je Warengruppe wäre vielleicht treffender geworden, wenn man sie noch mehr ausdifferenziert hätte (beim Sachbuch gab es sowieso schon eine große inhaltliche Spreizung vom Lexikon bis zu Sarrazin).
Eine Option könnte vielleicht sein, die Zielgruppen für das Jahr 2025 nach Altersgruppen aufzuspalten, denkbar zum Beispiel: Mobile Natives (ich kenne noch keinen Begriff für die, die im Smartphone-Zeitalter aufgewachsen sind, Jahrgang 2005 – 2025), Digital Natives (1980 – 2004), Digital Immigrants (1950 – 1979) und Digital Reborns (1926-1949)…

4.) Der Zwang, in der Matrix zu bleiben, brachte auf der einen Seite vergleichbare Ergebnisse, ließ aber auf der anderen Seite wenig Raum für die Darstellung von Bedingungen oder gar Visionen.
Angenommen werden musste eine irgendwie normal weiterverlaufende Entwicklung, eine Extrapolation der Entwicklung der letzten Jahre.
Die Schwierigkeit an dieser Methode: Sie lässt Unvorhersehbares nicht zu – Amazon wäre vor 15 Jahren nicht erkannt und eingerechnet worden, die aktuelle Smartphone-Entwicklung wäre noch vor 10 Jahren wohl nicht erfasst worden.
Der Vorteil der Matrix an der Stelle könnte sein: Das Maß der Möglichkeiten des Vorhersehbaren wird definiert. Der Paid Content bekommt eine Summe – offen ist, wer den Umsatz macht.
Es wird also klarer, dass die Buchbranche sich diesen Umsatz mit den anderen Medienbranchen wohl teilen wird – aber wer welchen Teil des Kuchens abbekommt, hängt vermutlich von der Attraktivität der einzelnen Produkte ab; dies sollte der Buchbranche allemal Ansporn sein, hier nicht weiter ins Hintertreffen zu gelangen!

Abschließend habe ich für mich mitgenommen: Eine Branchenkonferenz, veranstaltet mit dem Ziel, auf ganz konkrete Fragen ganz konkrete Antworten (Einschätzungen, vielleicht auch Absichtserklärungen) zu bekommen, passt gut in die Zeit der Orientierungssuche.

Als Muster für baldige weitere Konferenzen, um sich den nächsten ganz großen Fragen (vor allem nach Geschäftsmodellen für Paid Content) zu nähern, ist die Zukunftskonferenz auf jeden Fall vorbildlich gewesen.

Ein Kommentar zu “Zurück aus der Zukunft”

  1. am 12. September 2011 um 16:06 1.bwl zwei null · Wenn der “Verband deutscher Content-Broker” eine Zukunftskonferenz veranstaltet… schrieb …

    [...] dem versucht wurde, die althergebrachte Medienstruktur mit den digitalen Neuerungen in eine einzige Matrix zu bringen. So schön das gewesen wäre, dieser Ansatz musste aufgrund erheblicher [...]

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