Fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel

Geschrieben von René am 14. Dezember 2012 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Der Buchhandel ändert sich: Was gestern noch Verkauf von physischen Produkten war, ist heute die Bereitstellung von Dienstleistungen.

Der Geschäftszweck ändert sich: Was gestern noch die Suche und Beschaffung von Waren war, ist heute Kuratierung und Präsentation von Inhalten.

Die Produkte ändern sich: Was gestern noch gedruckte, gebundene Texte waren, sind heute Inhalte, die sich in unterschiedlichen physischen und digitalen Containern darbieten.

Das Marketing ändert sich: Was gestern noch das Verteilen von Prospekten und Aufhängen von Plakaten war, sind heute Homepage, Newsletter und Facebook-Seite.

Der Wettbewerb ändert sich: Was früher noch regionale oder nationale Mitbewerber waren, sind heute weltweit agierende Medienkonzerne.

Die Kunden ändern sich: Was gestern noch Rat suchende Leser waren, sind heute gut informierte und mobile Stöberer!

In dieser stark veränderten Buchhandelslandschaft kommt dem Buchhändler folglich eine neue Position und Funktion zu. Um den Marktverhältnissen strukturell gerecht zu werden, sollen der Buchbranche fünf strategische Komponenten, fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel vorgeschlagen werden:

 

1. Ein Label, Tausend Plateaus

In Zeiten des medialen Wandels wird ein neues Label gebraucht, das für einen modernen, digital affinen Buchhandel steht. Ein Gütesiegel für kompetente Händler, hochwertige Beratung und einen zeitgemäßen Service. Ein Label, das den Buchhandel profiliert gegenüber neuen Teilnehmern des Marktes. Ein Zeichen, das zugleich für die Vielfältigkeit des Buchhandels wie eine einheitliche Kundenerfahrungen spricht – sowohl vor Ort als auch online. Eine Marke, auf die Kunden vertrauen und mit der sie sich solidarisieren können, repräsentiert durch die individuelle Buchhandlung vor Ort und eine integrierte Online- und Service-Plattform für die digitale Inhalte jeder Art. Für ein zeitgemäßes Handeln mit gedruckten wie digitalen Inhalten.

2. Hier und heute: Buy local, pay local

Buch- und andere Facheinzelhändler fördern lebendige, vielfältige Innenstädte, eine lokale Kultur, ermöglichen persönliche Begegnungen, knüpfen Netzwerke und schaffen eine menschliche Infrastruktur. Die stationäre Buchhandlung verfügt über die Fläche, auf der sie Bücher und Autoren präsentieren, und den Ort, an dem ein unmittelbarer Austausch mit den Lesern stattfinden kann. Die Besonderheit gedruckter Bücher kann in der Buchhandlung mit allen Sinnen erfahren werden – sie ist damit auch weiterhin der wichtigste Marketingkanal für viele Verlage.

Nur in der Buchhandlung haben Kunden die Möglichkeit, sich persönlich beraten zu lassen und Inhalte direkt vor Ort zu kaufen. Das darf nicht nur für physische Produkte gelten, sondern muss künftig auch für digitale Inhalte unkompliziert möglich sein.

Eine zeitgemäße technische Unterstützung, etwa durch den Einsatz neuer standortbezogener Services oder Bezugsoptionen, kann hier die Servicequalität noch einmal spürbar erhöhen.

3. Die Qualität der großen Daten

Für die Auswahl, Disposition und Präsentation des Sortiments sind sorgfältig gepflegte Metadaten die wichtigste Grundlage geworden – dies gilt für den Verkauf von Büchern wie von digitalen Inhalten

Ein gemeinsamer, vollständig integrierter Titelkatalog soll dabei für die besten Voraussetzungen auch bei der digitalen Literaturbeschaffung sorgen. Dazu müssen die Metadaten mit Informationen angereichert werden, die über die aktuellen Katalogdaten hinausgehen: Der Buchhandel braucht neue standardisierte Informationen über Autoren, Lesereisen, Rezensionen, Medienspecials, Marketing-Kampagnen und Literaturpreise.

Und: Diese Informationen müssen beim Kunden ankommen – der Buchhandel braucht neue Tools zur Information von Kunden über alle Kanäle hinweg.

Auf der anderen Seite können und müssen Buchhändler ihre eigenen Verkaufsinformationen oder das Kundenfeedback effektiv nutzen. Sie müssen sowohl ihre eigenen Empfehlungen als auch die Meinungen und Bewertungen der Kunden erfassen und auswerten. Die zentrale Bündelung von Empfehlungen Hunderter Experten und Tausender Leser, verknüpft mit den realen Verkaufsdaten des Handels: Das ist das Schwergewicht, das der Buchhandels gerade in digitalen Zeiten in den Ring werfen muss.

4. Die Buchhändler-Empfehlung – Discoverability

Mit dem Aufkommen des Internet hat sich das Nutzerverhalten stark verändert. Es ist weniger der Rat suchende Leser, den eine gezielte Suche zum Buchhändler führt. Auf dem Weg zur nächsten Lektüre ist es vielmehr die zufällige Entdeckung durch einen Radiobeitrag, eine Rezension, einen Tweet oder Facebook-Post, oder eine ganz persönliche Empfehlung des Buchhändlers.

Vor Ort steht der Buchhändler mit seinem Namen, seiner Persönlichkeit und seinem Laden für eine Empfehlung. In digitalen Zeiten muss der Buchhändler aber auch online als Kurator überzeugen und Inhalte finden, aufbereiten und präsentieren.

Ein funktionierendes Shopsystem ist eine Selbstverständlichkeit, um Bücher oder Ebooks verkaufen zu können. Zusätzlich aber brauchen Buchhändler eine kluge und innovative Plattform, auf der die Stärken des Handels auch online explizit zur Geltung kommen: Zu entwickeln ist ein gemeinsames, soziales Netzwerk nur für Bücher, in dem Leser und Buchhändler, Verlage und Autoren sich wechselseitig folgen und verbinden, um über Bücher zu diskutieren oder Empfehlungen darüber auszusprechen, was sich zu lesen lohnt.

5. Barrierefreie Läden und Online-Shops

Barrierefreiheit ist ein zentrales Merkmal des Neuen Buchhandels – wir möchten offene Läden für offene Kunden. Buchkultur und Pressefreiheit verpflichten den Buchhandel zu Toleranz, Weltoffenheit und einem kundenzugewandten Agieren. Buchhandlungen zeichnen sich durch ein großes Maß an Aufmerksamkeit zur Überwindung jeglicher Formen von Hürden aus. Niedrigschwellige Angebote ermöglichen Kindern den unkomplizierten Zugang zum Buch – dem demographischen Wandel muss der Handel mit einem neuen Maß an Komfort und Verständnis begegnen.

Die Regeln der physischen Welt gelten natürlich auch für die digitalen Angebote. Konsumentenfeindliche und unkomfortable Services und Produkte müssen durch nutzerfreundliche und behindertengerechte Angebote abgelöst werden. Der Einsatz von hartem DRM, Webauftritte ohne Charme und mangelhafter Funktionalität sind daher überholte Technik und Angebote von gestern – weiches DRM, smarte Shops, die Nutzung von sozialen Medien der neue Standard, der die größtmögliche Reichweite erzielen kann.

 

Konsequenzen für den Börsenverein und seine Mitglieder

Neues Buchhandeln ist vor allem, aber nicht nur eine Angelegenheit und Aufgabe des stationären Sortiments. Das Bewusstsein aller drei Sparten dafür, dass das Geschäft erst gemacht ist, wenn der Endkunde glücklich ist, und die Erkenntnis aller Beteiligten, dass das Geschäft aller Branchenteilnehmer, also auch der Verlage und Zwischenbuchhändler, bedroht ist, wenn das stationäre Sortiment bedroht ist, muss zu einer neuen Gemeinschaftsaufgabe des Börsenvereins führen.

Dabei sollen die Spezialisierung und Fachkompetenz der Sparten berücksichtigt und an ihren jeweiligen gemeinsamen Schnittstellen immer wieder neu justiert werden. Ein klares Verständnis dafür, welche der heutigen und künftigen Aufgaben durch die Marktteilnehmer individuell zu lösen und welche gemeinsam anzupacken sind, ist die Voraussetzung für ein effizientes Handeln des Börsenvereins und seiner Wirtschaftstöchter.

Der Buchbranche soll hiermit eine Befassung mit den oben genannten Komponenten des Neuen Buchhandels vorgeschlagen und folgende konkrete Schritte empfohlen werden:

1.) Der Börsenverein prüft unter Federführung des Sortimenter-Ausschusses die vorgenannten Punkte auf Plausibilität, Richtigkeit, Machbarkeit und Relevanz.

2.) Es wird vom Börsenverein innerhalb von drei Monaten ein umfangreiches Strategie- und Plattformkonzept erarbeitet.

3.) Das Konzept zeigt zunächst klare Leitlinien für die Dienstleistungen und Services, die zentralisiert entwickelt und angeboten werden sollen und können, um dem Buchhandel Rationalisierungseffekte zu verschaffen.

4.) Das Plattform-Konzept beinhaltet die genaue Beschreibung einer zeitgemäßen Technologie- und Service-Plattform, die das kollaborative oder individuelle Empfehlen von und Handeln mit Büchern, eBooks und anderen buchhändlerischen Produkten ermöglicht. In diese müssen die Kompetenzen aller drei Sparten einfliessen.

5.) Das Konzept muss einen das stationäre Sortiment und seine Kunden klar integrierenden Ansatz verfolgen - der Fokus wird dabei auf einer einfachen Usability sowohl für den Handel als auch für den Kunden liegen. Es sollte alle aktuell behandelten Aspekte, etwa Ebook-Lesen in der Buchhandlung, Ebook-Kauf in der Buchhandlung, aber auch Social-Web-basierte Empfehlungssysteme berücksichtigen.

6.) Das Konzept wird neben der Plattformbeschreibung auch das dafür notwendige neue Meta- und Marketingdatenkonzept ausformulieren, das alle vorhandenen beziehungsweise noch zu entwickelnden Daten und ihre Flüsse beschreibt.

7.) Das Projekt setzt eine Konzentration der Kräfte aller Branchenteilnehmer voraus. Das Ziel wird eine alle drei Sparten umfassende Win-Win-Win-Konstellation sein. Dies kann nur gelingen, wenn das Wohlwollen und die Zuarbeit aller drei Sparten zugesichert ist. Dies setzt voraus, dass die neue Plattform nicht in Konkurrenz zu vorhandenen oder geplanten Angeboten der Branchenteilnehmer steht, sondern diese integriert oder ergänzt und erweitert. Sofern aktuelle Konstellationen, etwa die jetzige Libreka-Strategie, dem entgegenstehen, müssen diese hinterfragt und eventuell korrigiert werden.

Die Branche steckt in einer epochalen Umbruchphase, in die die größten Unternehmen auf dem Globus involviert sind. Dem Transfer kann durch den Buchhandel nur gemeinschaftlich begegnet werden – oder er wird pulverisiert.

 
Ich danke Sebastian Posth für die gemeinsame Arbeit an den Fünf Punkten für einen Neuen Buchhandel.

6 Kommentare zu “Fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel”

  1. am 15. Dezember 2012 um 00:28 1.Publishing hurts » Blog Archive » Fünf Punkte für einen Neuen Buchhandel schrieb …

    [...] seinem Blog http://www.kohlibri-blog.de/ veröffentlichte der Online-Buchhändler und Branchen-Kollege René Kohl am Freitag einen [...]

  2. am 18. Dezember 2012 um 11:25 2.aviess schrieb …

    Lieber René,

    das sind alles richtige und wichtige Punkte, aber hierbei

    “Zu entwickeln ist ein gemeinsames, soziales Netzwerk nur für Bücher, in dem Leser und Buchhändler, Verlage und Autoren sich wechselseitig folgen und verbinden, um über Bücher zu diskutieren oder Empfehlungen darüber auszusprechen, was sich zu lesen lohnt.”

    schüttelt es mich, weil es wie so oft wiedermal nur von unserer, nicht aber von Kundenseite gedacht ist. Die Frage, auf die ein solches Netzwerk gründen könnte, wäre eben nicht “Wie retten wir den Buchhandel online?”. Sie müsste vielmehr heissen “Wie bringen wir Leser zur Vernetzung?”. Das aber wiederum versuchen – durchaus erfolgreich – schon einige Dienste, national und international. Schaut man sich diese Dienste genauer an und geht in ihnen auf die Suche nach Buchhändlern, die ihre Aufgabe auch in der Kuratierung und Empfehlung von Büchern sehen, wirds arg duster. Da treibt sich nämlich niemand von Buchhandelsseite rum. Glaube mir, ich habe lange und sehr genau nach solchen Buchhändlern gesucht.

    Und dann soll ernsthaft ein zentrales _neues_ Netzwerk gebaut werden? Mit welchen Kompetenzen denn (die hat unsere Branche nämlich nicht)? Und mit welchem Kapital für Entwicklung, Betrieb, Community Management und Marketing (das hat sie auch nicht)?

  3. am 8. April 2013 um 14:59 3.Dominik schrieb …

    Vielleicht dazu – als Einwurf – ein interessanter Artikel in der aktuellen brand eins:
    http://www.brandeins.de/magazin/handel/wandel-lohnt-sich.html

  4. am 8. April 2013 um 17:55 4.Dirk R. schrieb …

    Schöner Artikel, und schöne Antworten. Danke, Dominik, für den Hinweis auf brand eins.

    Aber ich muss aviess auch zustimmen. Als ich vor einem Jahr einer Einladung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gefolgt bin und an einem Nachwuchstag teilnahm, begegneten mir leider sehr viele BuchhändlerInnen, die mit spitzem Gesicht und elitärem Gehabe darauf hinwiesen, dass sie sich aus Prinzip nicht im Netz präsentieren. Mit einem unausgesprochenen “Auf diese Sorte Kunden kann ich verzichten.”
    Dann scheint der Buchhandel ja wohl keine Probleme zu haben…

  5. am 10. April 2013 um 10:58 5.Günther Kaim schrieb …

    Fangen wir doch einmal beim Autoren an.
    Wenn wir als Buchhändler Autor und Leser in unsere
    Buchhandel bringen möchten, verlangt der Autor für den wir werben ein Honorar das die meisten nicht aufbringen können.

    Die Barsortimente,
    wie oft müssen wir auf Amazon oder Buch.de gehen um
    aussagefähige Angaben zuu bekommen.
    Oder was noch schlimmer ist, das Buch ist gelistet wird aber als nicht lieferbar angegeben was oft nicht stimmt.
    Die Barsorimente sind weit hinter dem Mond was das Internet betrifft.

    Der Buchhandel,
    ist im allgemeinen garnicht personell und finanziell in der Lage diesen Mangel der zu beheben.
    Wir sind auch im PBS sehr stark im Internet vertreten,
    hier haben wir ständig 1,5 Mitarbeiter damit beschäftigt das zu aktualisieren.
    Wissen den Buchhändler überhaupt welche Fallstricke es im Internet gibt, Abmahnungen usw.

    Und zum Schluß Amazon und & co führen in Deutschland keine Steuern ab.
    Diese Mittel würde der Buchhandel auch gerne für Betriebsmittel einsetzten.
    Schon hier bei der Steuergesetzgebung liegt ein großer
    Wettbewerbsnachteil.

  6. am 29. April 2013 um 15:03 6.Dirk R. schrieb …

    Günther Kaim:
    Das Abartige ist doch, dass mittlerweile jede Branche auf Amazon nachschaut, um Produktinfos zu bekommen.
    Im letzten Weihnachtsgeschäft wollte ich einen Hollywood-Klassiker auf DVD erwerben und bei MediaMarkt hat man vor meinen Augen Amazon befragt, ob dieser Titel lieferbar ist…!

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