eBooks und das stationäre Sortiment

Geschrieben von René am 9. Mai 2011 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Gemeinsam mit Susanne Martin  (www.schiller-buch.de) haben wir auf dem Buchcamp eine Session zum Thema »eBooks und das stationäre Sortiment« gemacht. Das waren die Einstiegsthesen / -fragen eBooks gibt es im Internet - man holt sie sich logischerweise von den großen Plattformen. Klar. eBooks beim Buchhändler? Das gibt’s doch gar nicht… Unsere Thesen: eBooks brauchen (auch) buchhändlerische Vermittlung, sie verkaufen sich offensichtlich nicht von alleine, das Sortiment ist bisher nicht in die Vermarktung der eBooks eingebunden, dies liegt auch am mangelnden Engagement des Handels. Wir wollen diskutieren:

  • Braucht das Sortiment eBooks?
  • Brauchen die eBooks das Sortiment?
  • Falls beides ja, wie kann der Sortimentsbuchhandel das eBook-Geschäft befördern.
  • Welche digitalen Geschäftsmodelle können die Kundennähe und Kompetenz des stationären Buchhändlers miteinbinden?
  • Sind lokale (vor-Ort-) Geschäftsmodelle für den Vertrieb von eBooks denkbar?

Braucht das Sortiment eBooks? Relativer Konsens, fundiert u.a. durch Zahlen von Holger Ehling: Wenn man den Umsatzverlust, der dem stationären Sortiment droht, kleiner halten möchte, dann ja. Brauchen eBooks das Sortiment? Obwohl (oder weil) nur wenige Buchhändler auf dem Buchcamp und bei der Session waren, lautete die Antwort nicht einhellig “nein” - was mich sehr freute. Die Diskussion ergab vielmehr konkrete Ansätze für die sinnvolle Einbindung des stationären Sortiments in den eBook-Handel. 2 Konzepte möchte ich hier kurz ausführen:

1.) Das physische eBook Cao Hung Nguyen (EPIDU) stellte die ebookcards vor. Das Konzept: Eine etwas überdimensionierte Scheckkarte (eher Format Weihnachtsgeschenk-Grußkarte), von außen bedruckbar mit der Coverabbildung, einem kurzen Klappentext u.a. enthält im Innenteil die Webadresse und den Zugangscode zum eBook (als Text und als QR-Code). Der Download findet dann von der Verlags-eBook-Plattform aus statt; hier wird dann nur noch der eBook-Server-Betreiber am Geschäft beteiligt; mit dem Handel ist man ja bereits quitt. Für den Buchhandel interessant: (ich zitiere kurz die Selbstdarstellung):

Die eBookCard Sales (gestaltete A7-Klappkarte mit dem Cover und Klappentext) beinhaltet eine “unique” 12-stellige Buch-ID. Diese ist hinter einem Rubbelfeld versteckt. Die Online-Eingabe dieser ID schaltet den direkten Download des eBooks frei.

Alternativ kann das eBook, zum Wahren der Datenanonymität, auch per E-Mail verschickt werden. Das Lesevergnügen ist also nur wenige Klicks entfernt, denn mit den eBookCards lässt sich von überall auf das Buch zugreifen.

Die eBookCards können durch ihre geringe Größe überall im Buchhandel positioniert werden. Egal ob im Kartenständer, an der Kasse oder als Beilage in einem Buch – eBookCards machen immer eine gute Figur. Bezahlt werden sie ganz einfach an der Kasse. Sie können als zusätzliches Service den Käufern anbieten, die eBookCard zurückzunehmen. (vorrausgesetzt das Rubbelfeld mit der Buch-ID bleibt unbeschädigt) Was spricht dafür?

  • für den Handel stationär präsentierbar
  • verschenkbar
  • ggfs. weiterreichbar, bis die lizensierte Zugriffszahl erreicht ist
  • Barzahlung möglich

Was spricht dagegen? Aus meiner Sicht für den Handel im Moment hauptsächlich das Format und das Einkaufsrisiko (aber dafür gibt es vielleicht ein Rückgaberecht…). Mein Vorschlag an markenstarke Unternehmen: Bringt eine eBook-Edition in den Handel, die auf diesem eBookcard-Prinzip fußt. Ausstattung aber nicht als kleine Grußkarte, sondern in Format, Volumen und Haptik orientiert an DVDs oder Hörbüchern. Es besteht aus einem (taschenbuch- bis DVD-Softpack-festen Umschlag, gerne 4-16 volumigen Seiten Booklet und enthält am Ende, vielleicht auf der U3, den Zugangscode). Das Cover des physischen eBooks verweist auf das “Original”. Das Booklet erläutert die Technik, stellt das eBook vor, liefert ggfs. gedrucktes Bonus-Material, verweist auf weitere Titel aus der Reihe usw. Eine solche Edition könnte ich mir bei gut gebrandeten Labels wie Reclam, Suhrkamp usw. vorstellen. Der Buchhändler bekommt einen eher am Handel orientierten Rabatt. Ich weiß, dass die Idee im ersten Schritt auf schwerwiegendste Einwände bei den Verlegern trifft. Liebe Kollegen in den Verlagen - machen Sie vielleicht dennoch den zweiten Schritt und kalkulieren Sie doch mal durch, wieviele Exemplare von einem Titel man verkaufen müßte, damit sich das ganze lohnt. Wir Buchhändler können Ihnen dann sagen, ob wir Ihre Zahlen erreichen können.

Ergänzung vom 18.5.2011: Soeben gesehen:

2.) Das Bundle Ganz ähnlich funktioniert das zweite Produkt, das der Handel gebrauchen könnte, das Bundle. Angeboten wird das Paket Buch & eBook; der Zugangscode für das eBook befindet sich im Buch, entweder eingedruckt oder hier wirklich als ebookcard. Der Preis für das Bundle sollte nach meinem Geschmack maximal bei 25%-30% über dem Preis des gedruckten Buches liegen. Was spricht dafür?

  • Das eBook wird auf eleganteste Weise am Markt eingeführt - als nützliches Extra zum Buch.
  • Der Handel wird als Premium-Partner bei der Einführung verstanden und eingebunden.
  • Der Aufwand dafür ist überschaubar - kann fast aus dem Marketing-Etat bezahlt werden.
  • Der Kunde erhält einen eleganten Zusatznutzen - großen Komfort bei der Wahl des Mediums

Was spricht dagegen?

  • Aus Sicht der Verlage wahrscheinlich aktuell: Rechtefragen
  • Der Preis für das eBook wird in diesem Bundle-Modell sehr niedrig wirken; dies kann künftige Preisfragen beeinflussen
  • Der Buchhandel braucht eventuell den doppelten Platz (für 2 Versionen des Buches).

Mein Vorschlag an Unternehmen mit aktuell webaffinen, “jungen” Inhalten - ich denke auch an Titel wie David Foster Wallace, »Unendlicher Spaß«. Probiert es aus, bietet von einigen der Titel aus dem Herbst-Programm zwei Versionen an (ich weiß, die Vorschauen sind gerade gedruckt…) und sammelt Erfahrungen. Der Buchhandel wird bei diesem Modell auf jeden Fall dabei sein. Soweit die zwei Ideen, die auf der Session und in vielen Nachgesprächen ventiliert wurden. Ansonsten gab es von uns Anbietern der Session den Wunsch an Buchhändler, Verlage und den Verband: laßt die Buchhändler teilhaben und -nehmen an den Vermarktungsfragen. Die Ideen werden kommen, wenn erst mal der Stöpsel gezogen ist, da sind wir sicher. Wie kann man ein produktives Brainstoming in diesem Sinne organisieren? Könnten vielleicht Prozesse, wie wir sie in der Inkubatoren-Innovationsförderungs-Session am Ende des ersten Tages diskutiert haben, helfen, einige Gedanken zu befördern? Eins zum Schluß: Liebe Buchhändlerinnen, liebe Buchhändler, falls Ihr im nächsten Jahr hört, dass es wieder ein Buchcamp in Frankfurt gibt, schickt die Kollegin / den Kollegen, der während der Arbeit am meisten mit seinem Handy rumspielt, bitte ruhig mal hin aufs Buchcamp. Und laßt ihn danach mal einen Monat machen… P.S.: Danke Dir, liebe Susanne, für Dein leidenschaftliches Engagement für die Belange der Sortimenter! Es hat Spaß gemacht, die Session mit Dir durchzuführen!

6 Kommentare zu “eBooks und das stationäre Sortiment”

  1. am 9. Mai 2011 um 17:09 1.Robert schrieb …

    Absolut geniale Zusammenfassung ! Ich hatte die Session gar nicht so positiv und konkret in Erinnerung :-)

  2. am 9. Mai 2011 um 17:31 2.René schrieb …

    Ja, das ist eine Stärke von uns Händlern: Sachen gut verkaufen ;)

  3. am 9. Mai 2011 um 17:42 3.Stefan Geyer schrieb …

    Ich war bei der Session leider nicht dabei. Vielleicht auch, weil ich ganz ketzerisch der Meinung bin, das eBook kommt prima ohne das Sortiment aus. (Wie hoch ist eigentlich der Marktanteil?). Das sage ich als ehemaliger Buchhändler.
    Dennoch, die Idee mit der ebookcard ist reizvoll. Allersdings scheint sie mir zu risikoreich. Der Buchhandlung muß die Karten, genau wie Bücher, bestellen. Es entstehen Remissionswünsche, das bereitet Arbeit und Pickel (mal abgesehen davon, daß Remissionen bei digitalen Produkten widersinnig sind).
    Gegenvorschlag, risikofrei. Der Kunde wünscht ein eBook als Geschenkgutschein. Der Buchhändler geht auf die Verlagswebsite und kauft zum üblichen Händlerrabatt einen Downloadcode (der für jeden einzelnen Download neu generiert werden muß. Pro Download ein Code.) und druckt für den Kunden in der Buchhandlung eine schön gestaltete Geschenkkarte aus. Darauf kann dann sogar noch das Logo der Buchhandlung untergebracht werden. Keine Remissionen, kein Ärger und alle freuen sich.
    Das “Bundle” halte ich für nicht praktikabel. Niemand gibt 20 - 30 % mehr aus, nur weil ein Downloadcode beigefügt ist. Das muß kostenneutral sein. Eine Langspielplatte (good old vinyl) mit Downloadcode kostet auch nicht mehr als eine LP ohne diesen Code. Vielmehr wird das Hauptprodukt, also das gedruckte Buch oder die LP, durch die Downloadmöglichkeit wertiger.

    Soweit in Unreine gesprochen.

  4. am 9. Mai 2011 um 18:06 4.René schrieb …

    Zu den Remissionswünschen:
    Wie wär’s mit körperloser Remi - der Buchhändler kann den Code jederzeit über die Plattform deaktivieren lassen und erhält eine Gutschrift, die mit den Umsätzen verrechnet wird…

    Zum Geschenkgutschein: Nehmen wir in die Gedankenliste all der Geschäftsmodelle auf, bei denen der Buchhändler miteingebunden werden könnte!

    Zum Bundle: Offenbar ist nicht das Bundle das Problem, sondern der Preis?
    Ich habe mal nachgesehen: Vom Kindlers Literaturlexikon haben wir 9 Stück in der reinen Printversion verkauft (für 1.950 EUR), und 6 + Online-Zugang. Dieser war damals in der Konstruktion nicht preisgebunden; er kostete aber ca. 25% extra.
    Nun ist der Online-Zugang was anderes als das eBuch, aber immerhin…

    Vielleicht macht von vorneherein nur ein Bundle, dafür den Preis um die 25% teurer, die Bücher nach meinem Geschmack sowieso sein sollten… Dank gibt es keine Vergleichspreis-Diskussion (obwohl ich die interessant fände…).

    Man könnte ja die Kunden mal befragen.
    Ich habe schon eine Riesenliste an Dingen, die mir die Research-Abteilung des Börsenvereins mal rausfinden könnte.

  5. am 11. Mai 2011 um 09:38 5.Cao Hung Nguyen schrieb …

    Hallo René,

    schön auf den Punkt gebracht. Was hältst du davon, wenn man in einer gemeinsamen Runde mit Verlagen, Buchhändlern und “Kunden” ein runde Lösung ausarbeitet? Ich bin gerne dabei und kann sagen, was technisch realisierbar und sinnig ist.

    Jedoch sollte man immer bedenken bei aller Eigeninteresse der Parteien, der Kunde sollte letztlich das letzte Wort haben. Wenn es zu kompliziert ist, wenn es zu lange dauert oder wenn zu viel Erkärungsbedarf benötigt wird, dann ist es bereits eine verlorene Sache.

    Ich präferiere folgende Lösung

    - Wenn der Kunde ein Printbuch kauft, ist das eBook dabei (kostenneutral)
    Die Vorteile:
    *das eBook wird so an den Kunden gebracht, sie lernen so kostenfrei kennen was ein eBook ist.
    *der Kunde gewöhnt sich daran, dass eBooks auch in Buchhandlungen ganz normal zu kaufen gibt
    *die beste Argumentation jedoch ist… Wieso ein einzelnes eBook kaufen? Wenn ich doch bei der Buchhandlung beim Kauf eines Printbuches eins direkt kostenlos dazu bekomme?

    - Kunde kann eBookCards auch separat kaufen.

    Lieben Gruß

    Hung

  6. am 19. Mai 2011 um 12:49 6.Foodfreak schrieb …

    Aus Kunensicht: ich finde eine Geschenkoption für eBooks toll. Und ich wünsche mir zu vielen Büchern - ins besondere Fachbüchern . ich hätte ein eBook dazu, das würde nämlich Recherchen erheblich beschleunigen, besonders im Zeitalter von Volltextindizes.

    Jetzt kommt das Aber. Schon jetzt habe ich z.B. auf dem iPad, das bei mir als primärer Lese-Device zum Einsatz kommt, einen Comicreader, einen pdf-Reader, einen epub-Reader, und einen Adobe-DRM-irgendwas-PlattformReader, von Zeitschriften-Apps ganz zu schweigen. Mit Amazon käme noch ein Kindle reader dazu; je nach Verlagsplattform dann die x-te App, das ganze auf dem Hauptrechner auch nochmal.

    Das ist einfach inakzeptabel. Ich will nicht ein halbes Dutzend oder mehr Reader auf einem Gerät haben müssen nur weil es 77 verschiedene Standards, DRM-Systeme, Fileformate und Shop-App-Bindungen gibt. Damit schliesst man Kunden aus, statt sie ins Boot zu holen.

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