WH Smith und die Daddy-Literatur: Die filterlose Buchhandlung

Geschrieben von René am 23. Oktober 2013 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Der führende Buchhändler Großbritanniens, WH Smith, hat jetzt gemerkt, daß er in seinem Online-Shop neben Kinderbüchern auch Bücher mit pornographischem Inhalt, etwa inzestkultivierende “Daddy”-Literatur, führt, und als Quelle die unregulierte Selfpublishing-Literatur identifziert:
http://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2013/10/16/porno-skandal-im-selfpublishing-sektor.htm

Genauer gesagt, hat es der Skandal-Blog Kernel gemerkt und weitergesagt:
http://www.kernelmag.com/topic/ebook-nasties/

Das Problem, daß ein Buchhändler entscheiden möchte, womit er sein Geld verdient, gab es schon immer.
In der Offline-Welt äußerte es sich in zwei Momenten: Bei der Sortimentsauswahl (”Erotik-Abteilung ja/nein”) und bei den Kundenbestellungen (”Naziliteratur dem Kunden - natürlich nur zu Forschungszwecken - bestellen oder nicht”).
Wenn man keine Erotik-Abteilung hatte, verzichtete man auf The Big Book of Breasts aus dem Taschen Verlag - und mußte damit leben, daß der Zeitungskiosk nebenan die heißere Ware in seiner Auslage hatte.
Und dem Militaria-Kunden konnte man durch zweimaliges Nichtfindenkönnen seiner Wünsche durch die Blume - oder auch direkt ins Gesicht gesprochen - deutlich machen, daß man an Geschäften mit ihm kein Interesse hatte.
Diese Haltungen kollidierten etwas mit der “Verpflichtung” des Buchhändlers, alle Bücher vorzuhalten und zu besorgen - aber nun denn.

Das Problem von WH Wmith, Weltbild und ungefähr jeder Buchhandlung ist nun ein anderes:
Die Möglichkeiten des Internet, im Prinzip jedes Buch in seine Online-Kataloge zu bringen, das irgendwer auf der Welt geschrieben und mit einer ISBN versehen hat, wird von ungefähr allen Buchhändlern der Welt seit ungefähr 15 Jahren mit der Pflicht, dies zu tun, verwechselt.

Aktuell etwa hat der deutsche Buchhandel sich im Rahmen der Debatte um die Erweiterung der Katalogkompetenz gerade erst in dem Punkt durchgesetzt, nun neben den noch einigermaßen kuratierten Barsortimentskatalogen das komplette VLB einbinden zu lassen.

Befeuert wird dies durch den Umstand, bei Amazon sei ja schließlich auch alles findbar und lieferbar - und man müsse schon der Konkurrenzfähigkeit wegen nachziehen.

Der Irrtum des Buchhandels liegt nun in dem Umstand, daß alles, was besorgbar ist, auch in Katalogen, die auch noch mit dem Logo der Buchhandlung gelabelt sind, ausgewiesen werden muß.

Je professioneller die Titelinformationen sind, desto mehr gerät jede Titeldetailseite in den Anschein einer Buchhändler-Empfehlung - und gerade Titel mit pornographischer Literatur werden im Zweifel gut mit Metadaten und stimmungsvollen Coverbildern ausgestattet.

Das Dilemma der Buchhändler ist, daß ihnen bis heute keine Tools zur Generierung tatsächlicher, echter Empfehlungen in größerem Stil zur Verfügung stehen. Während fast alle Buchhändler bzw. Entwickler der Shopsysteme, White-Label-Shops ec. ihre Energie darauf verwenden, die Titelfülle irgendwie zu organisieren und zu kanalisieren, wird weiterhin erstaunlich wenig dafür getan, die vom Händler empfohlenen Titel von den mehr oder weniger nur mitgeschleppten Titeln abzugrenzen - und noch schwerer ist es, ungewünschte Titel ganz aus seinem Sortiment zu verbannen.

Die Lösung dieses Problemes sollte nun nicht sein, das Kind mit dem Bade auszuschütten und künftig gar keine Titel mehr zu zeigen.

Das Ergebnis werden individuellere Kataloge sein, die gerade in ihrer Auswahl und Empfehlung entscheidende USPs zu anderen Shops vorweisen.

Die buchhändlerische Lösung wird also vielmehr darin liegen, künftig mehr Intelligenz (auch technische Intelligenz) in die Filter- und Empfehlungssysteme der Buchhändler-Shops zu stecken.

Ein Kommentar zu “WH Smith und die Daddy-Literatur: Die filterlose Buchhandlung”

  1. am 24. Oktober 2013 um 11:22 1.Tanja Kenter schrieb …

    Sehr wahre Worte! Allerdings sehe ich nicht, wo diese “Filter-Kompetenz” herkommen soll. Meine Erfahrung bisher ist, dass man diese Filterung nur bekommt wenn man entweder viel Geld für einen Programmierer ausgibt oder selber kuratiert und wie im Laden jeden Titel einzeln “anfasst” und einstellt. Die Barsortimente haben kein Intersee daran, ihr Sortiment nur eingeschränkt darzustellen, was verständlich ist. Vielleicht entdeckt ja jemand im technischen Bereich diese Marktlücke und bietet all den Buchhändlern, die sich einen online-Shop wünschen, der wie ein Laden eben ein Sortiment beinhaltet, eine richtig gute (bezahlbare!) Lösung.

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben