Service statt Propaganda

Geschrieben von René am 27. März 2015 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

»Die unabhängigen Buchhändler sollen erkennen, dass wir unabhängige Verleger ihre natürlichen unabhängigen Verbündeten sind. Wir haben den gemeinsamen Feind des Internethandels, und wir haben den gemeinsamen Feind der Buchhandelsketten«, so formuliert Stefan Weidle in seiner Abschiedsrede als Vorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung auf der Leipziger Buchmesse.

»Bequem lässt sich die Lektüre im Netz bestellen, meist kostenlos direkt nach Hause liefern – das setzt Vor-Ort-Buchhandlungen unter starken Wettbewerbsdruck! Wie können sie sich in der Konkurrenz mit dem Internet erfolgreich behaupten?«, schreibt Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien ihrem Grußwort zum Deutschen Buchhandelspreis. Mit ihm werden »Buchhandlungen mit Sitz in Deutschland ausgezeichnet, die ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, die innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren«. Ein auszeichnungswürdiges innovatives Geschäftsmodell ist immerhin z. B. ein »vorbildhaftes Verkaufskonzept zur Verzahnung von E-Commerce und stationärem Buchhandel« oder ein »Internetauftritt«.

»Wir möchten weg von dem sehr bequemen Weg, mal eben abends von zu Hause aus im Internet ein Buch zu bestellen«, erklärt Monika Grütters irritierenderweise in einem Interview zum Preis.

Internetbuchhandel steht in beiden Zitaten offenbar als Synonym für Amazon und Großkonzerne - Internet, das sind immer noch oder schon wieder die anderen.

Dabei führt der Versuch, sich derart vom Feind abzugrenzen, in das Dilemma, sich seiner Möglichkeiten zu berauben. Nicht der Internet-Handel ist das Problem, sondern was daraus (nicht) gemacht wird.

Die noch junge Buy local-Bewegung sucht daher konsequenterweise einen anderen Weg und plant, mehr lokale Online-Marktplätze einzurichten. Offenbar haben sie mit Atalanda einen technisch versierten Partner gefunden.

Ob es reicht, dem Kunden, wie es die neue Plattform genialokal.de macht, hauptsächlich die Option der Abholung in der Buchhandlung zu anzubieten, oder ob sich der Lokal-Bezug nicht auch inhaltlich abbilden muss, wird sich zeigen (offizieller Publikums-Starttermin der Plattform ist der 15. April 2015).

Ihm, dem Kunden, zuzuhören und seine Wünsche zu bedienen, wird auf jeden Fall kein Fehler sein. Von daher wäre es ein gutes Zeichen, in die Jury für den Deutschen Buchhandelspreis künftig auch einen Verbraucher aufzunehmen, und nicht nur Produzenten und Verkäufer.

Und statt dem Kunden das Internet ausreden zu wollen, wäre die bessere Strategie, ihn online und mobil besser bedienen zu lernen, und das Feld nicht nur den Konzernen zu überlassen. Die Rechnung Buy local = Independent und Internet = Amazon ist zu einfach.

Internet ist auch Independent, und Buy local ist auch mobil und Internet, und definitiv wird der Kampf um den Kunden besser mit guten Service-Argumenten als mit schlechter Propaganda geführt.

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