Prekäre Postdienste oder Fair Delivery

Geschrieben von René am 29. Juni 2015 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Seit dem 8.6. streiken die Postangestellten in Deutschland – mittlerweile sind wohl weit über 30.000 Postler im Streik.

Worum geht’s den Postmitarbeitern? Sie wehren sich gegen die Strategie der Deutschen Post, die ihre Angestellten aus ihrem Haustarif rauswerfen und in neugegründete Tochtergesellschaften namens DHL Delivery übernehmen will.

Mit dieser Strategie versucht die Post, ihre Personalkosten gegenüber den Mitbewerbern auf dem Markt (etwa Hermes, DPD und UPS) wettbewerbsfähig zu trimmen – schließlich haben die von vorneherein auf Zeitarbeiter, Mindestlohn und Subunternehmer gesetzt.

Die Post fährt zwar aktuell auch mit ihren jetzigen Tarifen nicht schlecht (lt. dem Geschäftsbericht der Post für das Jahr 2014 haben sie im Bereich Parcel bei einem Zuwachs von 7,0% insgesamt 1,033 Mrd. Pakete versendet, dabei einen Umsatzzuwachs von 6,5% erzielt und schaffen eine Umsatzrendite von 8,3%) .

Von diesem Kuchen wollen allerdings nicht nur die Aktionäre etwas sehen, sondern auch die Mitarbeiter – und auch von Kundenseite wächst der Druck.

Der Gesamtmarkt in Deutschland liegt bei etwa 2,8 Mrd. Paketen. Die Wirtschaftswoche schätzt, dass davon bis zu 400 Mio. Pakete (14%) von Amazon versandt werden. Das Problem für die Post ist, dass die Großen wie Amazon und Zalando vermutlich schon heute keine Preise mehr zahlen, an denen die Post verdient – die Welt mutmaßte, dass die Kosten pro Paket mittlerweile unter 2 EUR liegen. Diese Pakete dienen eher der Auslastung der Infrastruktur, als Gewinn zu machen.

Wenn nun der Anteil der Sendungen, mit denen kein Gewinn zu machen ist, steigt, fällt die Rendite, und es fängt für die Post an, ungemütlich zu werden. Noch dramatischer wäre natürlich, wenn Amazon beschlösse, die Waren gleich selbst auszuliefern, wie sie es etwa in Großbritannien tun.

Die Post sieht sich nun vor zwei Alternativen: Entweder sie sourct Volumen an Subunternehmer aus (bei der Buchhandlung Kohlibri.de etwa geben sich seit ca. 2 Jahren ausländische Post-Subunternehmer die Klinke in die Hand, um Sendungen abzuholen, nachdem man zuvor 16 Jahre lang täglich von einem Postmitarbeiter angefahren worden war). Oder aber sie gründet ihr eigenes Subunternehmen, wie sie es nun mit DHL Delivery versucht.

Und die Postangestellten haben die Wahl: Schlechtere Verträge mit der Post zu akzeptieren, oder aber im schlimmsten Fall unter möglichweise völlig unbestimmten Bedingungen bei anderen Logistikern arbeiten zu müssen. Oder aber, wie sie es im aktuellen Streik tun, weiterhin um ihre aktuellen Tarife, Arbeitsbedingungen und Bezüge zu kämpfen und sich so der Konkurrenz im eigenen Haus zu widersetzen.

Doch worauf soll die ganze Entwicklung überhaupt hinauslaufen? Für uns als Verbraucher wie als Unternehmer könnte sich die Frage stellen, ob wir wirklich ein Interesse daran haben sollten, unsere etablierten, bislang ziemlich zuverlässigen Logistik-Unternehmen immer tiefer in den Markt der Niedriglöhner, Subsubunternehmer und Saisonarbeiter zu treiben. Postversand ist mehr, als eine Ware irgendwie von A nach B (oder in die Nähe von B) zu bringen.

So sollte uns als Verbraucher interessieren, ob die Boten, die uns die Ware bringen, in prekären Arbeitsumständen unterwegs sind, ob sie sich eine Sackkarre zum Überbrücken von Laufwegen leisten können, ob sie eine vernünftige Kernarbeitszeit haben, auf die wir uns einstellen können, ob sie uns und unsere Nachbarn kennen, um nicht zustellbare Sendungen adäquat loszuwerden.

Und es sollte uns als Unternehmen interessieren, dass die Paketübergabe reibungslos klappt, die Versandwege zuverlässig bleiben, Laufzeiten eingehalten werden und unsere Kunden höflich bedient werden.

Portofreie Lieferung und aggessives Retourenmarketing sind Indikatoren für Logistik-Konzepte, die auf ein Unterwandern hierzulande bislang gewohnter Standards hinauslaufen. Je größer der Marktanteil von Amazon, Zalando und Co, die das Preisdrücken bei allen Geschäftspartnern, vermeintlich im Namen ihrer Kunden, zum Geschäftsprinzip gemacht haben, desto prekärer werden die Beschäftigungsverhältnisse werden. Das müssen die Käufer im Versandhandel, vor allem im preissensitiven Internet wissen.

Für uns als Unternehmer ist bedauerlich, dass wir keine wirkliche Wahl bekommen, unsere Kunden über faire Versanddienstleister zu beliefern. Vielleicht ist es an der Zeit, über ein Fair-Delivery-Konzept nachzudenken, das angemessene Arbeitsbedingungen einpreist und den Konsumenten zur Wahl angeboten werden könnte.

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