Die Meinungsfreiheit des Buchhändlers

Geschrieben von René am 29. Oktober 2015 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

Wenige Tage vor Erscheinen seines Buches »Die große Verschwulung« und seines ebenfalls angekündigten Titels »Umvolkung« tritt Akif Pirincci zum Pegida-Geburtstag in Dresden auf. Statt wie geplant aus »Umvolkung« zu lesen, trägt er eine Rede vor, die mit hinreichend vielen Provokationen gespickt ist, um damit bis in die Tagesschau zu kommen.

In den folgenden Tagen passiert Ungewöhnliches: Der Random House Verlag kündigt Pirincci den Vertrag und nimmt seine Titel aus dem Programm, und viele Buchhändler treffen in der Abwägung der Frage, ob der gewählte Beruf zur Präsentation und Beschaffung jedweder Literatur verpflichte oder ob sie auch dem eigenen Gewissen zu folgen haben, eine ähnliche Entscheidung – sie verzichten auf die Vermarktung des neuen Pirincci-Buches und damit auf einen potentiellen Bestseller-Erlös (und allerdings zugleich auf eine Finanzierung der Pirincci-Propaganda).

Nun kritisiert der Publizist David Berger den Buchhandel und sieht einen »Rückfall in die voraufklärerische Barbarei von Bücherindex und Zensur«. Seine implizite Unterstellung von einer staatlich oder kirchlich gelenkten Maßnahme geht allerdings ins Leere: Nicht Zwang der Obrigkeit oder eigene Beschränktheit, sondern vielmehr die Weltoffenheit der Buchhändler lässt sie auf das Buch von Pirincci verzichten. Das »Selbstentscheidungsrecht der Leser« (Berger) ist von der Haltung der Buchhändler nicht betroffen – es gibt erkennbar genug Quellen, bei denen »Die große Verschwulung« weiterhin zu bestellen ist. Das Recht auf Meinungsfreiheit gilt aber auch für Buchhändler – und viele drücken ihre Meinung in diesen Tagen gerade durch den Verzicht auf Pirincci aus.

Ein Kommentar zu “Die Meinungsfreiheit des Buchhändlers”

  1. am 30. Oktober 2015 um 13:13 1.Constanze schrieb …

    Nicht anders als ein Anwalt, der ja auch nicht dazu gezwungen ist, z.B. einen Neonazi zu verteidigen.

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