Der Autor als Metadaten-Karteileiche

Geschrieben von René am 13. März 2017 | Abgelegt unter Der Sortimentsbuchhändler im digitalen Zeitalter

In den letzten Jahren ist viel über die Aufgabe von Verlagen diskutiert worden – auch vor dem Hintergrund: Was nützen sie dem und was tun sie für den Autor. Die Diskussion um die VG Wort lebte davon ebenso wie die Debatte um „Cut out the middlema(e)n“, die von Spindoctors von Amazon ins Gespräch gebracht wurde.

Ein Betätigungsfeld dafür könnte die Metadatenpflege rund um dem Autor sein. Der Buchreport präsentierte etwa im November 2014 eine Nielsen-Studie über Kaufkriterien von eBooks - wichtigster Schlüsselfaktor war „der Autor“ („Der Leser hat den Autor/die Serie bereits zuvor gelesen.“) Und eine Nielsen-Studie aus dem November 2016  (»The Importance of Metadata for Discoverability and sales«) bestätigt die Bedeutung des Autors für den Buchverkauf: Nach dem Stöbern in Shops oder Online-Katalogen als erfolgreichstem Anlass, Bücher zu kaufen, folgt als zweit erfolgreichster Kaufgrund die Aufmerksamkeit des Kunden für den Autor.

Was können die Verlage im Bereich der Metadaten nun tun, um dem Interesse des Kunden am Autor (und dem Interesse des Autors an adäquater Vermarktung) gerecht zu werden?

Die Autorenvita: Lebbe geht weiter

Erfunden wurde die Autorenbiografie wohl für den Einsatz in Vorschauen und auf Buchcovern. Herkunft und schriftstellerischer Werdegang erlauben die schnelle Einordnung des Buches (»Der muss sich auskennen«, »Das ist doch der Autor von …«). Wenn sie gut geschrieben ist, zeugt sie (auch) vom Temperament, Witz, Anspruch und Milieu des Autors.

Gedruckt muss die Vita auf wenig Raum, etwa der Hälfte einer Innenklappe, zurecht kommen. Von daher gerät sie oft ziemlich knapp.

In Digitalpublishingreport 5/2017 fragt Eric Kubitz zurecht, wieso die Verlage online mit demselben Material arbeiten, das sie für die Ausstattung des Buches verwenden (»SEO als die Lehre vom Beantworten der Suchanfragen«). Wenn wir Argumente wie Zeitnot des Lektors beiseite lassen (ich würde die Verfassung der Online-Autorenbiographie sowieso eher als Aufgabe der Marketing-Abteilung sehen), wird es wohl mangelnde Aufmerksamkeit für dieses Thema sein.

Aber sieht man die Biographie losgelöst vom Buchumschlag, wird nicht nur die räumliche, sondern auch zeitliche Dimension erkennbar. Was zum Zeitpunkt des Erscheinens richtig und aktuell war, bleibt es möglicherweise nicht ein Buchleben lang.

Zwei Beispiele gefällig?

Umberto Eco – tot oder lebendig?

»Der Schriftsteller und Semiotiker wurde 1932 in Alessandria in der italienischen Region Piemont geboren. [… ] Der Autor lebt zusammen mit seiner deutschen Frau in Mailand und in der Nähe von Rimini«, heißt es auf der Autorenseite vom Umberto Eco auf Amazon.

»Umberto Eco wurde 1932 in Alessandria geboren und lebt heute in Mailand«, steht in zahlreichen White-Label-Shops von Libri beim »Foucaultschen Pendel« (Hanser Verlag).

»Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria (Piemont) geboren und starb am 19. Februar 2016 in Mailand«, heißt es dagegen zutreffend auf der Webseite des Hanser Verlags.

Berlin – Uckermark, Hauptsache Italien: Botho Strauß

»Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark.«

https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/botho-strauss/

»Botho Strauss (sic!), 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in Berlin.«

https://www.rowohlt.de/autor/botho-strauss.html

»Botho Strauß, geboren 1944 in Naumburg/Saale, zählt zu den bedeutendsten Dramatikern und Essayisten unserer Zeit. [… ]Er lebt in der Uckermark und in Berlin.«

https://www.randomhouse.de/Autor/Botho-Strauss/p505062.rhd

»Botho Strauß wird in Naumburg/Saale als Sohn eines Lebensmittelberaters geboren. Er lebt heute in Grünheide in der Nähe von Berlin.«

http://www.suhrkamp.de/autoren/botho_strauss_4826.html

Das Autorenfoto: Gut inszeniert und möglichst versteckt

Wieviel Aufwand ist in den letzten Jahren in die Inszenierung des Autors gesteckt worden? Phantastische Fotos sind dabei entstanden, die große Wirkung erzielen sollen. Die Verlagsvorschauen räumen ihnen immer mehr Platz ein – der Hanser Verlag etwas für gute Autorenfotos ganze Vorschseiten .

Aber was nützt es, wenn wir Buchhändler wissen, wie die Autoren aussehen – die Kunden müssen die Bilder doch sehen. Dies geschieht in Anzeigen und mit immer mehr Ehrgeiz auch auf Verlagsseiten und in den Social Media.

In den klassischen Online-Shops dagegen Fehlanzeige. Kein Bild nirgends – kein Wiedererkennungseffekt.

Es gibt dafür mehrere Gründe:

Die Bildrechte sind teurer, wenn sie nicht nur für die eigene Webseite und die Vorschau eingekauft werden. Aber um wie viel teurer sind sie, und was könnten sie andererseits an Mehr-Verkäufen bewirken?

Die Weitergabe und Präsentation der Bilder ist nicht überall vorgesehen. Können die White-Label-Shops des deutschen Buchhandels überhaupt Autorenbilder präsentieren?

Und noch ein Schritt davor: Könn(t)en Verlage ihre Autorenbilder überhaupt in die Kanäle einspielen? Das VLB etwa scheint dies zur Zeit nicht vorzusehen.

Wie viel Potential wird hier wohl verschenkt? Stellen wir uns die Musik-Branche mal ohne Musikerfotos vor – dann bekommen wir vielleicht ein Gefühl dafür, was uns entgeht.

Die Autoreninformation als Appendix der Produktinformation

Vielleicht wäre es mittelfristig eine Überlegung wert, dem Autor generell eine etwas andere Stellung in unserer Metadatenstruktur zu geben – im Moment findet er ja hauptsächlich als Name, Rolle und dann, eingequetscht zwischen mehreren Textarten, als Autorenbiographie statt. Er ist ein Anhang zum Buch, »biografische Angaben können und sollen im Kontext des Produktes stehen und müssen somit nicht produktübergreifend identisch sein«, heißt es dazu in der Hilfe_Seite vom VLB.

Diese Behandlung des Autors als Teil des Buches führt dazu, dass relationale Autorendaten, die der Verlag etwa in einer eigenen Autorendatenbank vorhält (und auf seiner eigenen Webseite auch so pflegt, mit dem Effekt, dass er Änderungen in der Biographie nur an einer zentralen Stelle vornimmt, statt sie an jedem Titel einzeln anfassen zu müssen), künstlich wieder flach in eine Buchbeschreibung reinkopiert werden müssen, um dann über die aktuellen Datenkanäle in den Shops als Zusatztext ausgelesen zu werden.

Dabei geht dann noch Text verloren, etwa wenn der Hanser Verlag seine Autorentexte im VLB nur als „Biografische Angabe“ im Urheber-Block anlegt, KNV in den White-Label-Shops andererseits nur „Autorenporträts“ aus den Zusatztexten ausliest. So wird man aktuell in vielleicht 1000 Online-Shops nicht erfahren können, woher Hanya Yanagihara stammt und ob er ein Mann oder sie eine Frau ist.

What’s next?

Metadatenpflege wird ja aktuell wieder sehr diskutiert – gerade berichtet das Börsenblatt von einem Workshop mit über 20 Datenexperten.

Vielleicht ist noch Platz auf der vermutlich nicht allzu kleinen Agenda, um einen ersten Blick auf die Autoreninformationen zu werfen.

Ich empfehle folgende Punkte für die To-do-List:

  • Überprüfung und gelegentliche Aktualisierung von Autoreninformationen in den hausinternen sowie an die Partner weitergegebenen Metadaten
  • Strukturelle Überprüfung der aktuell eingespielten Autorendaten in die verschiedenen Shops durch die Verlage sowie die Shopbetreiber
  • Großzügigerer Einsatz von Bilddaten (sowie weiteren marketingrelevanten Informationen, etwa Autorenwebsites)
  • Reorganisation der Metadaten mit dem Ziel, Autorendaten eher relational aufzufassen und Informationen entsprechend weiterzugeben

Zu wünschen wäre es letztlich allen Beteiligten – Autoren, Verlagen und Buchhändlern.

Der Beitrag erschien am 22.3.2017 in Ausgabe 6 des wie immer sehr lesenswerten digital publishing reports.

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